Instrumentation
Description
›Quodlibet‹ ist ein sechssätziges, knapp viertelstündiges Stück für Streichorchester. Basis und Leitlinie des Werkes sind alte frankokanadische Volkslieder, deren Melodien in allen Sätzen unverstellt zu erkennen sind. Siedler:innen aus Frankreich brachten sie seit dem 17. Jahrhundert mit in ihre neue Heimat und verliehen ihnen dort eine eigene Tradition. Sie wurden einstimmig gesungen, ohne Bindung an ein Akkordschema, oft mit freier, erzählerischer Gestaltung des Tempos, häufig auch im ener gischen Drive des Tanzes.
In einem Quodlibet können mehrere Lieder gleichzeitig ohne harmonische Verwerfungen vorgetragen werden. Es ist eine alte volkstümliche und zugleich äußerst artifizielle Praxis, als Verfahren gleichsam eine kommunizierende Röhre zwischen populärer und hoher Kunst. Moussa bedient sich dieser Musizierweise im letzten seiner sechs Stücke. Mit dessen Hauptmelodie hat es eine eigene Bewandtnis. Sie war weit verbreitet und wurde in raschem Tempo gesungen. Mitte des 19. Jahrhunderts wurde sie nach Verfolgung und Ausweisung französischsprachiger Kanadier:innen durch die britische Kolonialmacht mit einem neuen Text versehen, der vom Schmerz der Vertreibung, von Sehnsucht nach der Heimat und von der Betrübnis des Exils handelt. Dazu wurde sie wesentlich langsamer gesungen und so in die Gangart der Trauer, aber auch in die Würde des Hymnischen versetzt. Wehmut und inneren Stolz mag man aus dieser Transformation vernehmen.
In Moussas Finalsatz wird diese Melodie als Cantus firmus, als Hauptstimme in sehr getragenem Tempo gespielt. Um sie herum versammeln sich nacheinander die anderen, die Liebes-, Scherz-, Schmerz- und Tanzlieder wie ein Panorama des Erinnerns. Dieses Erinnern findet innerhalb des Stücks statt – durch Rückbezug auf Melodien, die zuvor schon erklungen sind; sie findet aber auch sinnbildlich statt als Vergegenwärtigung von etwas, das wie die alten Volkslieder weitgehend aus dem gesellschaftlichen Leben verschwunden ist. Hier, in der Kunst, wird es bewahrt, in seiner Schönheit gezeigt und gewürdigt.In Moussas Finalsatz wird diese Melodie als Cantus firmus, als Hauptstimme in sehr getragenem Tempo gespielt. Um sie herum versammeln sich nacheinander die anderen, die Liebes-, Scherz-, Schmerz- und Tanzlieder wie ein Panorama des Erinnerns. Dieses Erinnern findet innerhalb des Stücks statt – durch Rückbezug auf Melodien, die zuvor schon erklungen sind; sie findet aber auch sinnbildlich statt als Vergegenwärtigung von etwas, das wie die alten Volkslieder weitgehend aus dem gesellschaftlichen Leben verschwunden ist. Hier, in der Kunst, wird es bewahrt, in seiner Schönheit gezeigt und gewürdigt.
Moussa wendet in seiner Komposition weitere Verfahren an, in denen Volks- und Kunstpraxis zusammenkommen: die Variation (im zweiten Satz) und Kanonformen, die im fünften Satz gleich mehrfach ineinander verflochten sind. Im ersten Satz scheint das Gegenüber von schmeichelndem Liebhaber und selbstbewusst parierender Frau in der Konstellation von Kontrabass (im Falsett) einerseits und Viola mit Violoncello andererseits wider. Im vierten Lied findet das Flattern des Schmetterlings (Sinnbild für Liebe) sein Pendant im Flug der Musik von einer Tonart zur nächsten. Im dritten erhält die Klage um die gefangene Geliebte ihre Intensität durch eine stark individualisierte Satzweise. Die oft gepriesene Klangmagie in Samy Moussas Werken für großes Orchester bewährt sich in ›Quodlibet‹ in unendlich vielen und feinen Nuancierungen des Streicherklangs. Sie verleihen den alten Liedern musikalische, historische und emotionale Tiefenschärfe.
— Habakuk Traber